Eine Stillleben der Subtilität: Das Entschlüsseln von Paul Gauguins *Der Schinken*
Paul Gauguins *Der Schinken*, gemalt im Jahr 1889, ist weit mehr als eine Darstellung eines Mittagessens. Es handelt sich um ein Schlüsselwerk innerhalb des Postimpressionismus, das Gauguins wachsende Auseinandersetzung mit Form, Farbe und Symbolik offenbart – ein Sprungbrett zu seinen späteren, radikal expressiven tschechischen Gemälden. Dieses intime Stillleben, das derzeit in der Phillips Collection in Washington D.C. ausgestellt ist, lädt uns ein, nicht nur *was* dargestellt wird, sondern auch *wie* es präsentiert wird und was dies über Gauguins künstlerische Absichten offenbart.
Sujet & Komposition: Mehr als eine einfache Mahlzeit
Das Gemälde konzentriert sich auf einen großzügig portionierten Schinken, der auf einer einfachen Platte präsentiert wird. Begleitet vom Schinken sind Bananen, Orangen, zwei Becher – einer prominent platziert, der andere in Schatten zurückgezogen – und was wie Knoblauch bedeckt erscheinen. Die Anordnung ist nicht zufällig; sie ist absichtlich konstruiert. Gauguin balanciert meisterhaft die organischen Formen der Früchte mit der definierten Form des Schinkens selbst. Die Komposition ist durch ihre Spannung zwischen Ebenheit und Tiefe bemerkenswert, ein Kennzeichen seines sich entwickelnden Stils. Wiederholte Kurven – in den Zwiebeln (oft übersehen!), dem Hintergrunddesign, den Konturen des Schinkens und sogar den Tischbeinen – erzeugen einen rhythmischen visuellen Fluss, der wunderschön mit den vertikalen Streifen der Wand hinter ihm kontrastiert.
Technik & Stil: Synthetismus in Aktion
Gauguins Technik in *Der Schinken* veranschaulicht seinen Übergang zum sogenannten “Synthetismus”. Dies ging nicht darum, die Realität treu nachzubilden (wie es Impressionisten anstrebten), sondern darum, Themen auf ihre wesentlichen Formen zu reduzieren und sie durch kräftige, nicht-naturalistische Farben auszudrücken. Beachten Sie den leuchtend gelben Hintergrund – er ahmt keinen echten Raum nach, sondern dient dazu, die Wärme zu verstärken und eine einladende Atmosphäre zu schaffen. Die Pinselstriche sind sichtbar, bewusst und tragen zur texturierten Oberfläche des Gemäldes bei. Er kümmert sich weniger um präzises Modellieren und konzentriert sich mehr darauf, *Plastizität* zu erzeugen – ein Gefühl von Volumen und Form, das durch Farbzusammenhänge und nicht durch traditionelles Chiaroscuro erreicht wird. Dieser Ansatz wurde stark von seinen Gesprächen und Beobachtungen bei Paul Cézanne beeinflusst.
Historischer Kontext: Eine Abkehr vom Impressionismus
Gemalt während einer Zeit bedeutender künstlerischer Umwälzungen, stellt *Der Schinken* eine bewusste Ablehnung der vorherrschenden impressionistischen Ästhetik dar. Während Gauguin zunächst mit Künstlern wie Pissarro experimentierte, wurde er mit dem Fokus auf flüchtige Momente und optische Effekte unzufrieden. Er suchte etwas Substantielleres – eine Kunst, die tiefere Bedeutung und Emotion vermitteln konnte. 1889 war ein besonders turbulentes Jahr für Gauguin; kurz nach Beendigung von *Der Schinken* reiste er berühmt geworden nach Arles, um mit Vincent van Gogh zu malen, einer Zusammenarbeit, die letztendlich in Konflikt endete, aber beide Künstler tiefgreifend beeinflusste.
Symbolismus & Interpretation: Mehr als das, was man sieht
Was symbolisiert ein Schinken? Während er scheinbar alltäglich ist, tragen Lebensmittel oft symbolische Bedeutung. Der Schinken könnte Fülle, Wohlstand oder sogar Genuss darstellen. Die Anwesenheit von Früchten deutet auf Vitalität und Sinnlichkeit hin. Einige Gelehrte vermuten, dass Gauguin diese Objekte absichtlich aufgrund ihrer formalen Qualitäten – ihrer Formen und Farben – wählte, anstatt irgendeine spezifische symbolische Bedeutung zu haben. Dennoch ist der Gesamteindruck zweifellos eindrücklich und deutet auf ein Gefühl von rustikaler Einfachheit und stiller Kontemplation hin. Die bewusste Anordnung fühlt sich fast rituelle an und erhaben einen gewöhnlichen Anblick in etwas Größeres.
Emotionale Wirkung & Erbe
*Der Schinken* ist kein Gemälde, das aufmerksamkeitsstark schreit; es flüstert. Seine Macht liegt in seinen subtilen Harmonien, seiner sorgfältig durchdachten Komposition und seiner Fähigkeit, ein Gefühl von friedlicher Intimität hervorzurufen. Es handelt sich um ein Werk, das genauer betrachtet werden lohnt und bei jeder Betrachtung neue Nuancen offenbart. Gauguins Experimente mit Form und Farbe ebneten den Weg für viele Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts, darunter Fauvismus und Expressionismus. *Sein Einfluss auf die moderne Kunst ist unbestreitbar.*
- Künstler: Paul Gauguin
- Jahr: 1889
- Medium: Öl auf Leinwand
- Abmessungen: 50 x 58 cm
- Ort: Phillips Collection, Washington D.C.