Johannes Itten: Pionier der Farbe und Bauhaus-Pädagogik
- Geboren: Suedern Linden, Schweiz (1888)
- Gestorben: 1967
Johannes Itten war eine zentrale Figur in der Kunstpädagogik des frühen 20. Jahrhunderts und ein bedeutender Vertreter der Bauhaus-Bewegung. Er war ein Schweizer expressionistischer Maler, Designer, Lehrer, Schriftsteller und Theoretiker, dessen innovative Ansätze zur Farblehre und Pädagogik die moderne Kunst nachhaltig beeinflussten.
Frühes Leben und Einflüsse
- Ausbildung & Frühe Lehrtätigkeit: Itten absolvierte zunächst eine Ausbildung als Volksschullehrer (1904-1908). Anschließend begann er, nach Methoden zu unterrichten, die von Friedrich Fröbel inspiriert waren, dem Begründer des Kindergartenkonzepts. Diese frühe Erfahrung vermittelte ihm ein tiefes Verständnis für kindliche Entwicklung und Lernprozesse.
- Künstlerische Ausbildung: Trotz eines kurzen Studiums an der École des Beaux-Arts in Genf (1909), fand Itten die traditionelle Lehre unbefriedigend und kehrte nach Bern zurück. Seine Studien an der Lehrerakademie Bern-Hofwil bei Ernst Schneider waren entscheidend und prägten seine spätere Lehrphilosophie – die Betonung von kollektivem Feedback gegenüber individueller Kritik, um kreative Impulse zu fördern.
- Wichtige Einflüsse: Eugène Gilliard (abstrakter Maler), Adolf Hölzel (Formen als Grundlage für Schöpfungen) und Franz Cižek beeinflussten Ittens künstlerische Entwicklung maßgeblich. Er übernahm Hölzels Verwendung von Grundformen wie Linien, Ebenen, Kreisen und Spiralen als Ausgangspunkte für kreative Erkundungen.
Die Bauhaus-Jahre und der "Vorkurs"
- Beitritt zum Bauhaus: 1919 trat Itten als Meister dem neu gegründeten Bauhaus in Weimar unter Walter Gropius bei. Er wurde Teil des Kernlehrerkollegiums neben Lyonel Feininger und Gerhard Marcks.
- Der revolutionäre "Vorkurs": Itten entwickelte den bahnbrechenden „Vorkurs“, ein grundlegendes Programm für alle Bauhaus-Studenten. Dieser Kurs konzentrierte sich auf die Vermittlung der Grundlagen von Materialeigenschaften, Komposition und Farblehre, bevor es zu einer Spezialisierung in Werkstätten kam.
- Farblehre & Kontraste: Itten entwickelte eine Theorie über sieben Arten von Farbkontrasten – Farbton, Wert, Temperatur, Komplemente (Neutralisation), simultaner Kontrast, Sättigung und Ausdehnung – und entwarf Übungen, um diese Konzepte zu vermitteln. Er entwickelte die "Farbensphäre", ein System mit 12 Farben.
- Lehrmethodik: Sein Unterricht betonte Experimente, Intuition und Selbstdarstellung gegenüber strenger Einhaltung traditioneller Techniken. Turnübungen wurden integriert, um Studenten zu entspannen und die Kreativität anzuregen.
Ausscheiden aus dem Bauhaus und Spätere Arbeit
- Konflikt & Rücktritt: Ittens Mystik und die Verehrung, die einige Studenten für ihn hegten, sowie seine abweichenden Ansichten über künstlerischen Ausdruck im Vergleich zur Massenproduktion (Gropius' Fokus) führten zu einer Meinungsverschiedenheit innerhalb des Bauhauses. Er trat 1923 zurück.
- Ontos-Webereiwerkstätten: 1924 gründete er die "Ontos-Webereiwerkstätten" in der Nähe von Zürich und arbeitete mit der Bauhaus-Weberin Gunta Stölzl zusammen.
- Mazdaznan & Spiritualität: Itten war Anhänger des Mazdaznan, eines aus dem Zoroastrismus abgeleiteten Feuerkultes. Seine spirituellen Überzeugungen beeinflussten seine künstlerische Praxis und seinen Unterricht maßgeblich.
- Berliner Schule (1926-1934): Er leitete eine kleine Kunst- und Architekturschule in Berlin, an der auch Ernst Neufert, ein ehemaliger Bauhaus-Architekt, lehrte.
Vermächtnis und Einfluss
- Op Art & Farbabstraction: Ittens Erkundungen zur Farbkomposition finden Widerhall in den quadratischen Op-Art-Leinwänden von Künstlern wie Josef Albers, Max Bill und Bridget Riley, sowie in den expressionistischen Werken von Wassily Kandinsky.
- Saisonale Farbanalyse: Seine Studien über Farbpaletten und ihre Assoziation mit Persönlichkeitstypen (die "vier Jahreszeiten") inspirierten direkt die saisonale Farbanalyse, die in der Kosmetikindustrie weit verbreitet ist.
- Nachhaltiger Einfluss auf die Kunstpädagogik: Ittens Betonung von Experimenten, Materialerkundung und ganzheitlichem Lernen beeinflusst weiterhin die Kunstpädagogik weltweit. Sein "Vorkurs" dient als Modell für grundlegende Kunstprogramme.


