David Rolfe Graeber
David Rolfe Graeber (1961–2020) war ein amerikanischer und britischer Kulturanthropologe und anarchist Aktivist. Seine Arbeit prägte die Diskussion über soziale Theorie und politische Ökonomie und er gilt als einer der bedeutendsten Anthropologen und linken Denker seiner Zeit. Er wurde insbesondere durch seine Bücher *Schuld: Die ersten 5.000 Jahre* (2011), *Bullshit Jobs* (2018) und *Das Frühstück der Götter* (2018) bekannt und spielte eine zentrale Rolle im Occupy Wall Street Bewegung.
Frühe Lebensgeschichte und Ausbildung
David Rolfe Graeber wurde in New York City geboren, Sohn von Kenneth Graeber, einem Plattenschleifer ursprünglich aus Kansas, der im Spanischen Bürgerkrieg für die Internationale Brigade kämpfte, und Ruth Rubinstein, gebürtig Polen, eine Näherin und Hausfrau, die als weibliche Hauptrolle im Musikstück „Pins & Needles“ der Arbeitsbühnenbewegung von 1937 bis 1940 auftrat. Seine Kindheit wurde in einer Wohngemeinschaft geprägt, die von radikalen politischen Ideen durchdrungen war – eine Umgebung, die ihm ein Leben lang ein tiefes Engagement für linke Ideale und Aktivismus einprägte. Sein Vater Kenneth Graeber absolvierte sein Studium am Lawrence College (laut anderen Quellen auch an der Universität Kansas), wo er Mitglieder der jungen Kommunistischen Liga USA kennenlernte. Als Folge davon meldete er sich zum Spanischen Bürgerkrieg freiwillig und diente als Fahrer in einer medizinischen Einheit. Nach dem Krieg kehrte er nach Amerika zurück und setzte sein Studium fort. Seine Mutter Ruth Rubinstein stammte aus einer Familie jüdischer Polen, die Mitte der 1920er Jahre in die Vereinigten Staaten einwanderte. Während der großen Depression wurde sie gezwungen, ihre Hochschulträume aufzugeben und eine Fabrikarbeit zu finden. Sie engagierte sich aktiv im International Ladies Garment Workers Union und nahm an Theatergruppen der Gewerkschaft teil, die zwischen 1937 und 1940 großen Erfolg auf Broadway hatten. Graeber besuchte lokale Grundschulen PS 11 und IS 70 bevor er sein Studium am Purchase College und anschließend an der Universität Chicago fortsetzte.
Akademische Karriere
Graeber erhielt seinen Bachelor-Abschluss in Anthropologie von Purchase College im Jahr 1984 und setzte seine akademische Ausbildung an der Universität Chicago fort, wo er einen Master-Abschluss im Jahr 1987 und eine Doktorarbeit im Jahr 1996 erhielt. Seine Dissertation konzentrierte sich auf ethnografische Forschung in Madagaskar unter Marshall Sahlins und untersuchte soziale Hierarchien und wirtschaftliche Systeme innerhalb malagassischer Gesellschaften. Diese frühe Erfahrung prägte sein intellektuelles Profil tiefgreifend und bestimmte seinen Ansatz zur anthropologischen Forschung. Er arbeitete als Assistenzprofessor an der Yale Universität von 1998 bis 2005, jedoch entschied sich die Universität kontrovers dafür, seinen Vertrag nicht zu verlängern – eine Entscheidung, die innerhalb der akademischen Gemeinschaft für Aufsehen sorgte.
Akademische Exil und spätere Tätigkeit
Nachdem Yale Graebers Vertrag nicht verlängerte, fand er sich in einem „akademischem Exil“ wieder und zog nach England um, wo er von 2008 bis 2013 als Gastprofessor am Goldsmiths College der Universität London und von 2013 an der anthropologischen Fakultät der London School of Economics tätig war. Während dieser Zeit setzte er sein wissenschaftliches Interesse fort und untersuchte Bereiche wie anarchistische Theorie und die Wechselwirkung zwischen Anthropologie und politischer Ökonomie. Er gründete gemeinsam mit Giovanni Da Col 2011 eine Zeitschrift namens Hau Journal for Ethnographic Theory, als Mitherausgeber fungierte er bis zum Skandal um Da Cols Führungsstil Anfang 2018. Da Col wurden als Chefredakteur unter anderem wegen Ausbeutung und Mobbing von Mitarbeitern angegriffen; mehrere ehemalige Mitarbeiter und Mitglieder des Editorial Boards hatten Da Col öffentlich dafür kritisiert. Im Juni 2018 entschuldigte sich Graeber für seine frühere Zurückhaltung bei der Kritik an dem Arbeitsklima in der Redaktion und für seinen Beitrag zur Aufrechterhaltung der wissenschaftlichen Reputation von Hau. Er bat außerdem um Verzeihung dafür, dass er nicht früher aktiv mit sozialen Bewegungen beschäftigt war.
Wichtige Beiträge zur Anthropologie und Aktivismus
Graebers wissenschaftliches Werk prägte die Diskussion über soziale Theorie und politische Ökonomie und wurde durch seine persönliche Beteiligung an sozialen Bewegungen ergänzt. Er spielte eine zentrale Rolle bei der Bewegung Occupy Wall Street und gilt als einer der Initiatoren von deren Motto „Wir sind die 99 Prozent“. Seine Bücher *Schuld: Die ersten 5.000 Jahre* (2011), *Bullshit Jobs* (2018) und *Das Frühstück der Götter* (2018) stellten etablierte Theorien über Geld und soziale Strukturen in Frage und eröffneten neue Perspektiven auf die Geschichte menschlicher Gesellschaften. Seine Arbeit inspirierte zahlreiche Menschen zu einer kritischen Betrachtung gesellschaftlicher Machtverhältnisse und zum Streben nach sozialem Wandel. Graeber starb unerwartet im September 2020 während eines Urlaubs in Venedig. Sein letztes Werk, *Das Frühstück der Götter*, wurde gemeinsam mit David Wengrow veröffentlicht und erschien posthum 2021.