Die Geburt eines Westens: Jackson Pollocks ‘Going West’
Jackson Pollocks ‘Going West’, geschaffen im Jahr 1935, ist weit mehr als nur ein Gemälde; es ist eine visuelle Chronik der amerikanischen Seele, ein Echo von Pioniergeist und familiärer Reise. Dieses Werk, entstanden in seinem Heimatort Cody, Wyoming, blickt auf eine Zeit zurück, in der das Versprechen des Westens – Freiheit, Abenteuer und die Suche nach einem besseren Leben – tief in den Herzen vieler Amerikaner verwurzelt war. Pollock fängt diese Sehnsucht ein, indem er eine Gruppe von Menschen vor einer imposanten Bergkulisse darstellt, deren Gesichter im Abendlicht verblassen. Die Szene ist nicht detailliert oder naturalistisch; stattdessen wird sie durch dichte Farbaufträge und dynamische Linien in Bewegung versetzt – ein Ausdruck der ungestümen Energie und des Wandels, der die amerikanische Expansion prägte.
Die unmittelbare Inspiration für ‘Going West’ liegt vermutlich in einer Familienfotografie eines Brückenturms in Cody. Doch Pollock geht über bloße Wiedergabe hinaus; er transzendiert das Bild und verleiht ihm eine symbolische Tiefe. Die Berge im Hintergrund, bedeckt von Schnee, stehen für die Herausforderungen und die Unbezwingbarkeit der Natur, während die Menschen vor ihnen ein Symbol für die menschliche Bestimmung darstellen – die Suche nach einem neuen Anfang, die Überwindung von Hindernissen und das Streben nach einer besseren Zukunft. Die Anwesenheit eines Hundes unter den Figuren verstärkt das Gefühl von Familie, Loyalität und dem unerschütterlichen Willen zur Fortbewegung.
Thomas Hart Benton: Ein Mentor und Inspirator
Um die Bedeutung von ‘Going West’ zu verstehen, ist es unerlässlich, den Einfluss von Thomas Hart Benton zu berücksichtigen, einem amerikanischen Regionalisten und Pollocks Mentor. Bentons Stil, der sich durch realistische Darstellungen des Alltagslebens und eine starke Verwendung von dunklen Farben und dynamischen Linien auszeichnet, spiegeln sich deutlich in Pollocks Werk wider. Benton ermutigte Pollock, die Geschichten seiner Heimat zu erzählen und die Energie des amerikanischen Südwestens einzufangen – ein Thema, das für den jungen Künstler von großer Bedeutung war. Man erkennt dies besonders an der Darstellung der Figuren und der Landschaft, die mit einer gewissen Intensität und Bewegung behandelt werden.
Pollock experimentierte in dieser Zeit mit verschiedenen Techniken und Stilen, und ‘Going West’ stellt einen wichtigen Schritt in seiner künstlerischen Entwicklung dar. Es ist ein Übergang von den zunächst realistischeren Arbeiten hin zu den abstrakteren Ausdrucksformen, die ihn später berühmen würden. Die Verwendung von Öl auf Leinwand verleiht dem Bild eine besondere Tiefe und Textur, während die dichten Farbaufträge eine unmittelbare und kraftvolle Wirkung erzielen.
Die Dynamik des Dripping: Eine neue Ära der Malerei
‘Going West’ ist ein Schlüsselwerk für das Verständnis von Pollocks bahnbrechender Technik – dem sogenannten “Dripping”. Anstatt traditionelle Pinselstriche zu verwenden, tauchte Pollock Farbe direkt aus dem Behälter und ließ sie auf die Leinwand tropfen oder spritzen. Dieser Prozess, der oft mit großer körperlicher Anstrengung verbunden war, ermöglichte es ihm, eine völlig neue Art der Malerei zu entwickeln – eine, die sich von der Kontrolle und Präzision traditioneller Techniken löste. Die Spuren der Farbe, die sich über das gesamte Bild erstrecken, symbolisieren die Unkontrollierbarkeit des Lebens, die Freiheit des Ausdrucks und die Energie des künstlerischen Prozesses selbst.
‘Going West’ ist somit nicht nur ein Gemälde; es ist ein Fenster in die Seele eines Künstlers, der die Grenzen der Malerei neu definierte. Die dynamische Komposition, die intensiven Farben und die innovative Technik machen dieses Werk zu einem faszinierenden Beispiel für die amerikanische Kunst des 20. Jahrhunderts.